Zum Hieronymustag am 30. September – Übersetzer als Wissensvermittler und Kulturstifter

Der Todestag des Kirchenvaters Hieronymus von Dalmatien am 30. September ist für uns zum „Übersetzertag“ oder auch „Tag des Übersetzens“ geworden. Auch wenn Hieronymus (bei weitem) nicht der erste Übersetzer der Geschichte ist, genießt er seinen Ruf als Schutzpatron der Übersetzer dank seiner Bibelübersetzung ins Lateinische, die sogenannte Vulgata.

Das Zugänglichmachen griechischer und hebräischer Bibelquellen für den europäischen Kulturraum war nicht nur eine kulturbereichernde, sondern sogar eine Kulturschaffende Leistung. Sie ebnete den Weg für die Rezeption der geistigen Lehren, aber auch für den Reichtum an Geschichten und Symbolen des Alten und Neuen Testamentes mit all ihrem Erfahrungsschatz und ihren Bedeutungen.

Mehrsprachigkeit im Alltag

Was Hieronymus vor 1600 Jahren in seinem stillen Kämmerlein für die Nachwelt leistete, geschieht in unserer heutigen Zeit täglich und auf selbstverständliche Weise, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Im Alltag und in den sozialen Medien übernehmen wir täglich Redewendungen oder Begriffe aus anderen Sprachen (meist dem Englischen) ins Deutsche. Die Globalen Märkte schaffen sprachliche Varianten von Werbeslogans in den verschiedenen Sprachräumen: „Enjoy Coca Cola“; „I’m lovin‘ it“ – „Ich liebe es“; manchmal eben auch nicht: „Just do it“, „Das Auto“ oder „Die Mannschaft“. In meiner Stadt gibt es sogar ein Lokal namens „Das Burger“.

Dass Sprachen niemals deckungsgleich sind, kann uns oft vor Herausforderungen stellen. Was uns dabei auf den ersten Blick meist entgeht, ist, dass diese Herausforderungen in 100% aller Fälle Gelegenheiten und Chancen sind, um nicht nur unsere Sprache, sondern auch unser Denken zu bereichern. „Denn eben wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein“, sagte Goethe und wusste, wovon er sprach.

Der Anlass wie auch die Sprachdifferenz können uns bei Übersetzungen vor unterschiedlich große Schwierigkeiten stellen. In der Populärmusik ist es für Eros Ramazzotti und Laura Pausini leichter, ihre Hits in der dem Italienischen nahe stehenden spanischen Sprache zu präsentieren, als für Roland Kaiser „Ti amo“ zu singen. Okay, das war jetzt nicht vollkommen ernst gemeint. Aber wenn wir Denker wie Kant, die ihre sehr spezielle Ausdrucksweise haben, in eine andere Sprache übersetzen wollen, wird es schon schwieriger. Von Martin Heidegger brauchen wir hier gar nicht zu reden. Versuchen Sie einmal Sätze wie:

„Aus dem Spiegel-Spiel des Gerings des Ringes ereignet sich das Dingen des Dinges,“

in eine Sprache Ihrer Wahl zu übersetzen. Oder, wenn Sie es noch spannender möchten:

„Wie aber west das Ding? Das Ding dingt. Das Dingen versammelt. Es sammelt, das Geviert ereignend, dessen Weile in ein je Weiliges: in dieses, in jenes Ding.“

Posten Sie das Ergebnis unter diesen Artikel.

Technische Übersetzungen zur Wissensvermittlung

Bei technischen oder Fachübersetzungen gibt es in der Regel ein etabliertes Vokabular, das einzuhalten ist. Oft stoßen wir hier auf Lehnwörter aus der Sprache, die für die Entwicklung der jeweiligen Disziplin von größter Bedeutung war. In der Mathematik sowie der Physik finden wir entsprechend überwiegend das Altgriechische wieder, im Bankwesen und in der Musik das Italienische, in der gehobenen Alltagssprache oder der gehobenen Küche das Französische, in der Informationstechnik sowie in den seit einigen Jahren zu den Wissenschaften gezählten Wirtschaftslehren das Englische. Gerade der letzte Fall, das Englische, ist in unserer Zeit am Aktuellsten. Das GEO-Magazin hat diesem Thema in seiner diesjährigen Oktoberausgabe (10/2019) sogar seinen Leitartikel gewidmet.

Bei solchen Übersetzungen ist der Fachmann auf dem jeweiligen Gebiet gefragt. Mit einem spezifischen Fachgebiet kommt nicht nur eine spezifische Terminologie daher, sondern oft ein eigener Sprachjargon. Nehmen wir etwa die Botanik. Versuchen Sie einmal zu raten, welches das korrekte Verb ist, um auszudrücken, dass sie Keimlinge wachsen lassen wollen. („бота́ник“ (botánik) wird im Russischen übrigens genauso verwendet wie im Deutschen das pejorative „Streber“. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie verschiedene Sprachen (und Kulturen) dasselbe in verschiedenen Bildern ausdrücken, d.h. mit verschiedenen Konnotationen. Im Deutschen wird eher der Ehrgeiz kritisiert – im Russischen eher die übertriebene Spezialisierung abseits der gesellschaftlichen Alltagsrealität.)

Übersetzung als Kulturleistung

In der Alltags-, Medien- und Werbesprache liegen die Prioritäten dagegen anders verteilt. Hier ist der originale Wortlaut in der Regel weniger wichtig als eine in der Zielsprache natürliche und treffende Formulierung. Hier soll eher dasselbe Gefühl oder dieselbe Idee vermittelt werden als ein genauer Gedanke. Darum ist hier von einem Übersetzer stärker die allgemeine Sprachkompetenz gefragt als ein spezielles Fachwissen. Hier zahlt es sich aus, einen guten Philologen ins Boot zu holen, dessen trainiertes Sprachgefühl vielfältigere und treffendere Ausdrucksmöglichkeiten bietet.

Dieser Zwiespalt zwischen Quell- und Zielsprache bestimmt seit jeher das übersetzerische Schaffen auf der ganzen Welt. Während noch in der Antike die Römer den Dichter Homer so übersetzten, wie er geschrieben hätte, wenn Latein seine Muttersprache gewesen wäre, hat dieses Paradigma sich spätestens in der Romantik verändert. Der Theologe Friedrich Schleiermacher machte sich für ein „Über-setzen“ des Fremden in der Zielsprache stark. Es gibt Vieles, das dafür spricht. Nehmen wir z.B. Hieronymus und seine Vulgata. Das ursprüngliche Wort für „Sünde“ lautet im Hebräischen chata’a oder chat’at (חַטָּאָה/חַטָּ֣את), und im Altgriechischen ἁμαρτία (hamartia). Beide bedeuten „sein Ziel verfehlen“. Es ist eine optische Metapher, die aus der Jagd mit dem Bogen stammt. Der Unterschied zwischen dem verurteilenden „peccatum“ und dem optimistischeren „sein Ziel verfehlen“ ist massiv.

Übersetzer sind nicht nur stets Wissensmultiplikatoren gewesen, sondern auch Sprachschöpfer, die eine bedeutende Rolle bei der Standardisierung von Sprachen gespielt haben. Beispiele hierfür sind Martin Luther, Miguel Cervantes, die King-James-Übersetzung und weitere mehr. Die verschiedenen Sprachen, ja die Sprache selbst ist in ständiger Bewegung und Entwicklung. Neben ihrem praktischen Nutzen zur Wissensvermittlung und dem Schaffen von Kommunikation schafft sie auch die Möglichkeit zum besseren Verständnis der verschiedenen Kulturen, aber auch zum besseren Verständnis der Beschaffenheit der Welt. Allein deshalb ist es das Wert, am 30. September der Übersetzer zu gedenken und ihre Leistung für unsere Kultur zu würdigen.

Kommentare 2

  1. Kai Weber 8. Oktober 2019

    Wunderbare Beispiele für (Un-)Möglichkeiten des Übersetzens! Ich erinnere mich bei solchen Dingen immer daran, wie ich plötzlich Sonnenuntergangsphänomene neu wahrnehmen konnte, seit ich im Tschechischen ein Wort für eine einzelne, von der untergehenden Sonne rötlich gefärbte Wolke, entdeckt habe (červánek).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.